Psychiatrie – Entsorgungsapparat der modernen Gesellschaft

In einer Gesellschaft, die bereits so „spirituell“ erwacht ist wie unsere, sollte es doch möglich sein, sich endlich vom Blickpunkt der psychiatrischen Kategorisierung zu distanzieren, um andere Alternativen zu finden, als es bisher durch die Stigmatisierung in die Schubladen der psychiatrischen Diagnosen geschieht.
Themen: Diagnosen, Gesellschat, Psychiatrie, Psychische Störung, Psychologie, Psychopharmaka, Stigmatisierung, Zwangspsychiatrie

Ein Mensch, der einmal aus dem Rahmen gefallen ist,

ein Mensch, den die Gesellschaft „ausgestoßen“ hat, hat keine Freunde mehr, oft keine Angehörigen, keine Unterstützung. Ihm wird weisgemacht, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, sich selbst folglich als das Problem zu betrachten. Es wird viel über den Menschen gesprochen und viel zu wenig mit dem Menschen selbst. Kaum jemand kommuniziert mit ihm auf gleicher Ebene. Er wird zu einem degradierten Wesen, ohne Rechte und ohne Schutz. Denn die Psychiatrie in die diese Menschen regelmäßig geraten, ist ein rechtsloser Raum, in dem sie häufig gegen ihren Willen eingesperrt, entmündigt und mit psychiatrischen Drogen „medikamentiert“ werden.

Sie haben keine Ahnung von den Wirkungsmechanismen der so genannten „Medikamente“ und über deren meist fatale Folgen. Die Auswirkungen fangen an bei Vergesslichkeit, Desorientierung, extremer Gewichtszunahme, mangelnder Konzentration und Müdigkeit und führen über kurz oder lang zu schweren gesundheitlichen Problemen. Auf den Punkt gebracht, könnte man ihnen den Titel „schleichender Tod“ geben. Absurd ist dabei, dass Psychiater die Symptome der Psychopharmaka als Symptome einer „psychischen Erkrankung“ auslegen und das Wissen über deren Wirkungsweise nur sehr spärlich an die Öffentlichkeit gelangt.

Viele sensible Menschen spüren,

dass mit unserer Welt und unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt. Sie äußern es vielleicht in einer Art und Weise, die für die Gesellschaft nicht verständlich ist. Das kann daran liegen, dass sie verängstigt oder allein gelassen sind mit ihren Gedanken und Gefühlen. Sie sind verwirrt und fühlen sich unverstanden. Denn die Angehörigen, ebenso wie andere Menschen im unmittelbaren Umfeld, reagieren oft abweisend, desinteressiert oder glauben an eine allgemeingültige Definition von „Normalität“ und einem psychiatrischen Begriff der „Erkrankung“.

Um jedoch besser verstehen zu können, was der allgemeinen Auffassung von „krank“, „verrückt“, „bekloppt“, und „psychisch krank“ entspricht, muss man näher auf den Begriff „normal“ eingehen. Normalität ist nicht das, was konform mit richtig, gut oder gesund einhergeht, sondern es wird damit lediglich eine gesellschaftliche Konvention festgelegt. Denn wir verbinden all das mit Normalität, das unserer Umgebung entspricht, all das, was wir aus Gewohnheit zum Normalen gemacht haben. In unserer Gesellschaft und der Welt gibt es gewisse konforme Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu sein und zu leben hat. Wir selbst sind dessen Wärter und Opfer zugleich. Wir selbst geben diesem System die Macht und das Recht, Menschen, die nicht richtig „funktionieren“, also Menschen, die „anders“ sind, eine andere Meinung haben, die „freier denken“, die wir nicht verstehen oder die durch schlimme Erlebnisse aus der Bahn geworfen wurden, einzusperren und mit Psychopharmaka zu behandeln. Indem wir nichts dagegen unternehmen akzeptieren wir ungeprüft und unhinterfragt die Macht von Medizin, Pharmazie und Psychiatrie.

Menschen fürchten das Unbekannte,

das Ungewohnte, sie fürchten, was sie nicht verstehen. Doch wollen wir uns aus Angst dazu verleiten lassen, ein System zu unterstützen, das unbarmherzig gegen Menschen vorgeht, die aufgrund ihrer Ohnmacht, Perspektivenlosigkeit und Angst nicht mehr in der Lage sind, sich zur Wehr zu setzen?

Psychopharmaka sind keine Heilmittel.

Weder machen sie uns glücklich, noch lassen sie uns „normal“ werden. Sie betäuben, ohne dass die Gründe für das Unwohlsein aus der Welt geschaffen werden. Sie sind wie die schlimmsten Drogen gefährlich, machen abhängig, verändern die Mimik, Persönlichkeit und das Bewusstsein. Als Nachfolger der Lobotomie* sind die sog. Neuroleptika (Gehirnneuronen lähmende Substanzen) voriges Jahr vom Bundesverfassungsgericht als Körperverletzung und deren Vergabe unter Zwang als nicht grundgesetzkonform erklärt worden. Sie rauben dem Menschen all das, was sein Leben lebenswert macht und was ihm helfen könnte, die Ereignisse seines Lebens zu verarbeiten oder sich zu entwickeln: Kreativität, Sensibilität, Intelligenz und Konzentration, äußere Erscheinung, Gefühle, Liebe und Würde. Gerade diejenigen Menschen, die so vieles hinterfragt haben, werden nie wieder etwas hinterfragen. Sie werden zu Menschen ohne Gefühle, ohne Freude, ohne Hoffnung und ohne Zukunft. Sie „stören“ nicht, gefährden unsere Illusionen nicht mehr. Aber wer könnte unsere Welt mehr bereichern, als Menschen, die andere Ideen, eine andere Wahrnehmung der Welt und andere Vorstellungen haben?

Wie können wir so egoistisch sein,

uns vom Leiden der anderen abzuwenden, um uns eine heile Welt zusammen zu phantasieren, die gar nicht existiert? Glauben wir vielleicht, dass wir davon nicht betroffen sind? Das ist ein Irrtum. Jeder einzelne von uns kann plötzlich Dinge wahrnehmen, die er vorher nicht wahrgenommen hat, kann durch den Verlust eines geliebten Menschen in Trauer versinken, Opfer einer Gewalttat werden oder Einblick in eine Welt außerhalb der gesellschaftlichen Rationalität bekommen. Selbst ein Mensch, der nur an jenes glaubt, das er fühlen, riechen, hören und sehen kann, sollte die Offenheit haben, es als möglich zu erachten, und nicht zu glauben, andere entbehrten der Realität.

Wer sich vor psychiatrischem Zwang schützen oder sich über dieses Thema kundig machen möchte, kann sich auf den Internetseiten www.zwangspsychiatrie.de und www.patverfü.de weiter informieren. (Quelle: Caroline Thongsan – 15.07.2012 – ReadersEdition)

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